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Rezensionen




Das letzte Kriegsjahr 1944 aus der Sicht eines Kriegsversehrten 10. Mai 2018
von PFIFF

Veit Kolbe erholt sich 1944 nach einer schweren Verletzung an der Front am Mondsee in einem gemietetem Zimmer bei einer unausstehlichen Wirtin. Eine junge Mutter mit Baby ist seine Nachbarin. Er freundet sich mit den beiden an.
Bei einem Spaziergang lernt er eine Lehrerin und ihre schutzbefohlenen Mädchen kennen, von denen eines verschwindet.
Ein ausgewanderter Brasilianer baut in der Nachbarschaft Gemüse und Obst in einem Glashaus an.
Veits Onkel ist ein wichtiger Politiker im Ort, nicht sympatisch und kränklich.
An Hand von Briefwechseln schildert Geiger das Leben von den Menschen im letzten Kriegsjahr, deren Not, Liebeskummer und Entbehrungen.
Ein Sittenbild mit einzelnen Beispielen, wie sich das Leben damals abgespielt hat, Tragödien und kleine Freuden.
Packend und literarisch gut gelungen 24. April 2018
Mondsee 1944: wir treffen auf unterschiedlich Menschen, mit unterschiedlichen Schiskalen und Einstellungen zum aktuellen Zeitgeschehen. Da ist zum einem der verwundete Soldat Veit, der seine an der Ostfront erlittene Verwundung in der beschaulichen Idylle des Salzkammergutes auskuriert, zum anderen die Dorfbewohner oder die Kinder, die aus allen Teilen der Ostmark in die vermeintlich sichere Region „verschickt sind oder Margot, die Darmstädterin, die mit ihrem Kind hier gestrandet ist.

Alle Lebenslinien verknüpfen sich hier zu einem mehr oder weniger festen Knoten. Keiner ist allein und doch einsam. Und so entspinnt sich zwischen Veit und der jungen Frau, trotz der widrigen Umstände in Form einer vom Regime noch immer überzeugten Quartiersfrau, eine zarte Romanze.
Während einige Dorfbewohner nach wie vor an den Endsieg glauben, so hat Veit jegliches Vertrauen in seinen „Dienstherrn“, wie er die Wehrmacht nennt, verloren. Er versucht, seine Rekonvaleszenz deshalb mit allen Mitteln zu verlängern und schreckt auch vor dem Fälschen von Befunden nicht zurück. Nur Margot und Pervitin helfen Veit durch Tag und Nacht.

Nachdem er fast ein Jahr in Mondsee verbringen konnte, ereilt ihn doch der Einberufungsbefehl …

Meine Meinung:

In seiner unnachahmlichen Art beschreibt Arno Geiger aus der Sicht von Ich-Erzähler Veit Kolbe die Umstände, die ihn und Margot in Mondsee zusammengeführt haben. Er erzählt von Opportunisten, Ewiggestrigen, Verzweifelten und Gegnern des Regimes.

Wir Leser dürfen an sehr intimen Gedanken und auch an alltäglichen Handlungen teilhaben. Wir erhalten Einblick in Briefe zum Bespiel aus Darmstadt von Margots Mutter, die von den Bombenangriffen und Todesopfern schreibt. Gleichzeitig wird auf die mangelnde Versorgung der Bevölkerung hingewiesen. So wird Margot aufgefordert, die Paktschnur und das Packpapier wieder an ihre Mutter zu retournieren, weil dies in Darmstadt nicht mehr erhältlich sei. Interessant ist, dass die Post nach wie vor funktioniert. Erst kurz vor Kriegsende gibt es ein Paket-Sendeverbot. Das habe ich gar nicht gewusst.

Die Geschichte der jüdischen Familie, die wie so viele zu spät und in die falsche Richtung geflüchtet sind, ist stellvertretend für Tausende ähnliche Schicksale.

Kurz musste ich an der Stelle schlucken, als Wally und Georgi verschwinden und die Nachbarin die Kleider der beiden mit den Worten „Die werden sie nicht mehr brauchen“ haben wollte.

Gut gefällt mir, wie eindringlich und zugleich beklemmend die Geschichte(n) erzählt werden. Dies wird von Arno Geiger nicht nur durch wechselnde Ich-Perspektiven und eine Handlung voll erschreckender sowie bewegender Momente dargestellt, sondern auch durch den roten Faden des Zweiten Weltkriegs.

Der ergänzende Epilog enthüllt das weitere Schicksal der Protagonisten.

Fazit:

Packend und literarisch ein gelungenes Buch. Gerne gebe ich 5 Sterne und eine Leseempfehlung.