Wir verwenden Cookies, um Ihnen die bestmögliche Nutzererfahrung auf unserer Website zu bieten und erlauben das Setzen von Drittanbieter-Cookies. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie zu, dass Cookies auf Ihrem Gerät gespeichert werden. Weitere Informationen zu den verwendeten Cookies, und zu ihrer Deaktivierung finden Sie hier.

Joachim Meyerhoff

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Roman. Nominiert für die Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016
Hardcover
Kiepenheuer & Witsch 2015
352 Seiten; 210 mm x 135 mm
ISBN: 978-3-462-04828-5


Verfügbar oder lieferbar in 48 Stunden

Ebenfalls verfügbar als:
22.70 EUR
(inkl. USt.)
 
Besprechung
" Ach, diese Lücke ... ist nicht weniger intensiv und riskant als Joachim Meyerhoffs Bühnenpräsenz." FAZ

Langtext
Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, der gerade zwanzig gewordene Erzähler bereitet sich auf den Antritt des Zivildienstes vor, als das Unerwartete geschieht: Er wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht in die großbürgerliche Villa seiner Großeltern in Nymphenburg.Seine Großmutter ist eine schillernde Diva und selbst ehemalige Schauspielerin, sein Großvater emeritierter Professor der Philosophie, eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Unter ihrem Einfluss wird der Erzähler zum Wanderer zwischen den Welten.<br /> Tagsüber an der Schauspielschule systematisch in seine Einzelteile zerlegt, ertränkt er abends seine Verwirrung auf dem opulenten Sofa in Rotwein und anderen Getränken. Aus dem Kontrast zwischen großelterlichem Irrsinn und ausbildungsbedingtem Ich-Zerfall entstehen die ihn völlig überfordernden Ereignisse. Zugleich entgeht ihm nicht, dass auch die Großeltern gegen eine große Leere ankämpfen, während er auf der Bühne sein Innerstes nach außen kehren soll und dabei fast immer grandios versagt.

?Ich wollte inkognito ich sein? 09. Oktober 2016
Autor Meyerhoff ist ausgebildeter Schauspieler, in diesem Beruf erfolgreich t?tig ? und ich las hier mit Genuss etwas, das ich weniger einen klassischen Roman nennen w?rde ? die Erz?hlung ist autobiographisch. Meyerhoff schreibt von seiner Ausbildung zum Schauspieler in M?nchen, w?hrend der er, aus Norddeutschland kommend, im Haus seiner Gro?eltern lebte, und verkn?pft diese Erz?hlung mit Anekdoten ?ber seine Gro?eltern; meist erfolgt der Wechsel kapitelweise, h?ufig mit R?ckblenden in die Vergangenheit. Dieser Schreibstil wirkt sehr nat?rlich, fast wie ein Plauderton: Thema soll die Ausbildung sein ? ganz nat?rlich mischen sich damit die Anekdoten. Oder sind die Gro?eltern das eigentliche Thema?

Man liest hier ?ber das gro?- und bildungsb?rgerliche Milieu; die Gro?eltern wohnen nicht, sie residieren eher in M?nchen in einer Villa direkt neben dem Nymphenburger Schloss. ?Viele Male sah ich von hier, wie G?ste nicht einfach den Weg auf das Haus zugingen und dann, sobald sie es erreichten, klingelten, sondern vor der T?r, den Finger schon auf dem Klingelknopf, innehielten. Es war offensichtlich, dass diesen erstarrten Besuchern klar wurde, dass sie sich mit dem Eintreten in das gro?elterliche Haus f?r die n?chsten Stunden deren Welt unterzuordnen hatten.? S. 17 Das Renomm?e der Gro?eltern ist gro?: Die Gro?mutter war Schauspielerin und Schauspiellehrerin, der Gro?vater Philosoph; der Vater Meyerhoffs war Direktor einer Kinder- und Jugendpsychiatrie, wodurch der Autor und seine zwei Br?der auf dem Anstaltsgel?nde heranwuchsen. ?berschattet wird der Einstieg ins Erwachsenenleben vom vorangegangenen Unfalltod des mittleren Bruders des Autors ? der Text stellt klar, dass er der Trauer daheim durch den Wegzug zu entgehen trachtete. ?Ich wollte kein Leben, in dem mein Schmerz r?cksichtslos jeden Winkel ausleuchtet, ich wollte jugendlichen Leichtsinn.? S. 32 Tod und Krankheit bleiben, so ist nun einmal das Leben, trotzdem Begleiter, der Autor kommentiert n?chtern, f?ngt das Kuriose in der Tragik ein.

Der Text ist f?r mich angenehm, im Plauderton ? es gibt viele Stellen, gerade in den Anekdoten ?ber die Gro?eltern, ?ber die ich, die ich selbst eng mit meinen aufgewachsen bin, schmunzeln oder l?cheln kann, so der etwas, hm, h?hertourige Getr?nkekonsum bis hinunter zum Gurgelmittel (mit Enzianschnaps), das letztlich getrunken zur fr?hmorgendlichen Start-Beschwingtheit f?hrt, oder die ignorierte Schwerh?rigkeit. ?Der Gipfel der Absurdit?t war erreicht, wenn ich mit meinem Gro?vater telefonierte und meine Gro?mutter von weit weg etwas rief, was er falsch an mich weitergab. Ich h?rte meine Gro?mutter rufen: ?Herrmann, bitte frag ihn doch, ob er noch Kerzen hat!? Und daraufhin sagte mein Gro?vater zu mir: ?Ich soll dir sagen, dass sie noch Schmerzen hat!? Ich antwortete: ?Ja, ich glaube oben im Sekret?r.? Und mein Gro?vater nach einer Pause mit leicht besorgter Stimme: ?Junge, wovon sprichst du?? S. 52

Auch die Ausbildung an der renommierten Otto-Falckenberg-Schule bietet wenig Erholung von Skurrilit?ten. ?Folgender Reim sollte meine Lippen beweglicher machen und mit Blut f?llen: ?Bald balgen sich die beiden blonden Buben, bald bauen pr?chtige Burgen sie beim Bach, bald baumeln ihre braun gebrannten Beine vom Bl?tterbau des Birnenbaums heran.? Am Ende der Stunde hatte ich das Gef?hl, mein vegetatives Nervensystem f?r immer zerschossen zu haben.? S. 93 Dazu kommen Aufgaben wie eine Szene aus Effi Briest als Nilpferd darzustellen oder Spaghetti im kochenden Wasser. Gleichzeitig erf?hrt der Schauspielsch?ler einen Mangel an echter N?he bei permanentem K?rper- und Blickkontakt. ?Nur bei meinen Gro?eltern schloss sich allabendlich die L?cke und ihre Vertrautheit und Zugewandtheit, ihr aus Hochprozentigem gekn?pftes Netz fingen mich sicher auf.? S. 111 Das Gef?hl des Versagens, der Zerrissenheit h?lt lange an, bis aus dem Schauspieler auch der Autor Meyerhoff wird, zun?chst f?r eine B?hnenadaption von Goethes Werther (daher der Titel des Buches).

Ich habe die Lekt?re wirklich genossen ? mir bleibt nur ein kleines Manko, das ich aber nicht dem Autor anlasten k?nnte: Das Buch steht auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2016, dem Preis, mit dem der ?Roman des Jahres? ausgezeichnet wird. F?r die Nominierung ist mir das Werk einfach ?zu viel? Autobiographie und ?zu wenig? Roman. Das tut aber dem Lesevergn?gen keinen Abbruch ? dazu plaudert Meyerhoff schlicht zu angenehm selbst ?ber die traurigeren Aspekte seines Lebens mit einem leicht selbstironischen Blick auf sich selbst und schl?gt damit letztlich eine Br?cke zu MEINER geliebten Gro?mutter: wenn die hinfiel und selbst nicht wieder aufstehen konnte, fing sie stets furchtbar an zu lachen dar?ber, wie hilflos das wohl aussehen m?ge. Nicht die schlechteste Einstellung im Leben.

https://de.wikipedia.org/wiki/Inge_Birkmann
https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Krings
Folgebuch:
nat?rlich: Theodor Fontane: ?Effi Briest?
Frederik Backman: ?Britt-Marie war hier? (S. 113 bei Meyerhoff ?Was, ?berlegte ich, braucht eigentlich mehr Kraft, mehr Mut: etwas durchzuhalten oder etwas abzubrechen??)